Der Benutzer ist nicht kaputt - ein Mem, verkleidet als Manifest
Karen G. Schneider, The User Is Not Broken: A meme masquerading as a manifesto (3. Juni 2006)
URL des Originals:
http://www.freerangelibrarian.com/2006/06/the_user_is_not_broken_a_meme.php
Deutsche Übersetzung
Begonnen nach einer Diskussion mit einem passionierten, besorgten jungen Bibliothekar. Bitte stellt diese Überlegungen in Frage, verändert sie, ergänzt sie, nehmt Stücke heraus, bearbeitet sie, hadert mit ihnen und teilt sie mit anderen.
Alle Technologien entwickeln sich und sterben. Jede Technologie, über die du etwas an der Bibliotheksschule gelernt hast, wird eines Tages tot sein.
Du befürchtest, die Kontrolle zu verlieren, aber das ist bereits passiert. Reite auf der Welle.
Du bist kein Medienformat, du bist eine Dienstleistung.
Der OPAC ist nicht die Sonne. Der OPAC ist bestenfalls ein entfernter Planet, der sich jedes Jahr weiter aus dem Orbit seines Sonnensystems entfernt.
Der Benutzer ist die Sonne.
Der Benutzer ist das magische Element, das die Bibliothek vom Gewerbe des Türhüters zum Beruf des Dienstleisters transformiert.
Der Benutzer ist nicht kaputt.
Dein System ist kaputt, solange der Gegenbeweis nicht erbracht ist.
Der Anbieter, der dir eben das millionenschwere Bibliothekssystem verkauft hat, weil "Bibliothekare Menschen helfen müssen" hat keine Ahnung wovon er redet, und ausserdem ist sein System kaputt.
Die meisten deiner leidenschaftlichsten Benutzer werden dir nie persönlich begegnen.
Die meisten der Benutzer, die du gründlich abgeschreckt hast, werden dir nie persönlich begegnen.
Die wichtigste Hilfe, die du deinen Benutzern bieten kannst, besteht darin, ihre Informationserfahrungen mit Wert und Bedeutung anzureichern, wo immer sie stattfindet; ihr Recht zu lesen zu verteidigen; und ihnen ansonsten nicht im Weg zu stehen.
Deine Website ist ein Gesandter an die Steuerzahler von morgen. Sie werden der Website viel früher begegnen als sie dein Gebäude sehen werden, deine physischen Ressourcen, deine Mitarbeiter.
Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als daß man eine Bibliothekswebsite findet, die benutzbar ist und sympathisch und die Service bietet, statt in merkwürdigem Bibliotheksjargon über sie zu reden.
Information nimmt dem Weg des geringsten Widerstands. Wenn du ein Werkzeug, das die Benutzer wollen, blockierst, werden sie sich aufmachen und es an anderen Orten finden.
Du kannst den Benutzer nicht ändern, aber du kannst das Benutzererlebnis verändern, um dem Benutzer entgegenzukommen.
Triff die Leute da, wo sie sind - nicht dort, wo du sie haben willst.
Der Benutzer ist nicht "distanziert". Du, der Bibliothekar, bist distanziert, und es ist deine Aufgabe, die Distanz zu überbrücken.
Die durchschnittliche Bibliotheksentscheidung über den Einsatz einer neuen Technologie dauert länger als der durchschnittliche Lebenszyklus neuer Technologien.
Wenn du darüber in Time und Newsweek liest und deine Bibliothek sich dem noch nicht angepaßt hat, hinkst du hinterher.
Hör auf, den guten alten Tagen nachzutrauern. Der Kartenkatalog war beschissen, und du dachtest damals auch so darüber.
Wenn wir damit fortfahren das Medienformat zu fetischisieren und den Benutzer zu ignorieren werden wir die Flickschuster von morgen sein.
Wir haben wunderbare "third spaces", die unseren Benutzern einen Raum zum Träumen, Denken und zur Erfahrung von Information bieten. Ist deine Bibliothek ein Ort, an dem Leute träumen können?
Deine Ignoranz wird dich nicht schützen.
Ergänzende Kommentare der Übersetzer
Zum Begriff des "Mems" vgl.
http://de.wikipedia.org/wiki/Mem
Zum Begriff des "third space" vgl. Rutherford, Jonathan: The Third Space. Interview with Homi Bhabha. In: Ders. (Hg): Identity: Community, Culture, Difference. London: Lawrence and Wishart, 1990, S. 207-221
Zum inhaltlichen Kontext vgl. auch Karen G. Schneiders Artikelserie "How OPACs suck" im ALA
TechSource?-Weblog:
http://www.techsource.ala.org/blog/2006/03/how-opacs-suck-part-1-relevance-rank-or-the-lack-of-it.html
http://www.techsource.ala.org/blog/2006/04/how-opacs-suck-part-2-the-checklist-of-shame.html
http://www.techsource.ala.org/blog/2006/05/how-opacs-suck-part-3-the-big-picture.html